Inside Austria

Inside Austria

Der Podcast über die großen und kleinen Skandale Österreichs

Transkript

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00:00:07: Ein Foto zeigt ein junges Paar auf einem Berggipfel.

00:00:10: Beide haben Laufwesten an.

00:00:12: Er trägt Sonnenbrille und Basecap.

00:00:15: Sie ein blauen Anorak.

00:00:17: Beide grinsen breit in die Kamera.

00:00:20: Das Bild schaut noch purem Gipfelglück aus.

00:00:23: Die beiden sind gemeinsam ganz oben auf.

00:00:27: Wenige Monate später ist die junge Frau

00:00:29: tot.

00:00:30: Erfroren am höchsten Berg Österreichs.

00:00:32: Kerstin G. wird nur dreiunddreißig Jahre alt.

00:00:36: Der Mann, der auf dem Foto mit ihr in die Kamera lacht, soll sie laut der Mittleren wenige Meter unter dem Gipfel zurückgelassen haben.

00:00:44: Was genau ist in jener eisig kalten Nacht, dem vergangenen Jänner auf Österreichs höchstem

00:00:48: Berg,

00:00:49: dem Großglockner passiert?

00:00:51: Der thirty-sech-jährige Salzburger hatte seine Partnerin um Mitternacht kurz unterhalb des Gipfels zurückgelassen.

00:00:58: Ihr Freund und Begleiter muss nun vor Gericht, ihm drohen bis zu drei Jahre Gefängnis.

00:01:02: Die dreien- dreißigjährige Frau konnte nur noch tot geborgen werden.

00:01:06: Sie starb an Unterkühlung.

00:01:08: Wenn Österreich oder Bayern aufwächst, der weiß.

00:01:11: Die Berge sind gefährlich.

00:01:13: Jedes Jahr sterben viele Menschen im Gebirge.

00:01:16: Doch der Tod der dreien- dreißigjährigen Kerstin G. am drei tausend siebenhundert achtundneinzig Meter hohen Großglockner bewegt besonders.

00:01:24: Da steigt eine junge Frau mit ihrem Partner da rauf und nur er kommt lebend wieder runter und stellt sich einfach die Frage, warum hat er sie da oben zurückgelassen und warum sind sie nicht rechtzeitig umgekehrt, um sich in Sicherheit zu bringen?

00:01:38: Was ist da oben genau passiert?

00:01:40: Diese Frage beschäftigt auch die Ermittlungsbehörden.

00:01:43: Also, diese Staatsanwaltschaft sorgte, dass der thirty-jährige Alpinist seine Freundin, ich zitiere, schutzlos, entkräftet, unterkühlt und desorientiert, ca.

00:01:53: fünfzig Meter unterhalb vom Gipfelkreuz des Großglockners zurückgelassen.

00:01:59: Jetzt muss sich der damalige thirty-jährige Thomas P. vor Gericht verantworten.

00:02:03: Hat er, wie die Staatsanwaltschaft im Vorwurf, verhängnisvolle Fehler gemacht?

00:02:08: Und später ist dann auch ein Hubschrauber drübergeflogen, über die beiden, aber die beiden haben kein Zeichen gegeben, dass sie Hilfe bräuchten.

00:02:15: Warum haben sich die beiden so verhalten?

00:02:18: So was darf nicht passieren, nicht freiwillig, nicht in Österreich, nicht auf einem Berg, wo man freiwillig raufgeht.

00:02:24: Ohne Druck von außen, nur für die eigene Erfahrung.

00:02:28: Ich bin Kim Höbe vom Spiegel.

00:02:30: Und ich bin Antonia Raut vom Standard.

00:02:33: In dieser Mini-Serie von INZET Austria zeichnen wir nach, was sich in der verhängnisvollen Nacht im Januar, in dem Großglockner

00:02:41: abgespielt hat.

00:02:42: Wir sprechen mit Kollegen, die die Route des Pars teilweise nachgegangen sind und mit erfahrenen Bergsteigern, die die Gefahren und Regeln im Gebirge kennen.

00:02:52: Wir wollen wissen, wer am Berg eigentlich die Verantwortung trägt und wer eine Katastrophe wie die am

00:02:58: Glockner verhindert werden könnte.

00:03:11: An dieser Stelle noch ein Hinweis.

00:03:13: In dieser Folge geht es um schwere strafrechtliche Vorwürfe.

00:03:16: Es gilt die Unschuldsvermutung.

00:03:20: Ja, ich glaube, das Interesse an dem Falle ist in ganz Österreich sehr groß.

00:03:23: Das ist unsere Kollegin Stephanie Ruhep, Salzburg-Korrespondentin beim Standard.

00:03:28: Sie begleitet den Fall vom Glockner schon seit über einem Jahr.

00:03:32: Der Angeklagte selbst ist ja Salzburger, deswegen wird es noch mehr in die Richtung deportiert.

00:03:36: Aber auch in den angrenzenden Bundesländern, also der Großglockner, der liegt ja in Kärnten und Osterol und auch in Innsbruck wird dann ein Prozess im Februar stattfinden.

00:03:45: Ich denke, nicht nur in Österreich wird dieser Fall diskutiert, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus.

00:03:51: Auch der Prozess dürfte international für Aufsehen sorgen.

00:03:55: Es haben schon Medien wie die New York Times, der Independent oder das US-Magazin Kleinbar über den Fall berichtet.

00:04:01: Thomas P. ist jetzt wegen grob fahrlässiger Tötung angeklagt.

00:04:05: Es ist eigentlich bedeutet, dass ein Mensch

00:04:07: durch das Verhalten

00:04:09: eines anderen gestorben ist, aber ohne dass derjenige das vorsätzlich wollte.

00:04:15: Aber weil der Angeklagte seine Sorgfalspflicht verletzt hat in irgendeiner Weise, etwa wenn man Verkehrsregeln missachtet und deswegen jemand beim Verkehrsumfall stirbt, oder wie im Fall vom Großglockner, wo laut Staatsanwaltschaft die alpinistischen Grundlagen nicht befolgt wurden.

00:04:33: Die Staatsanwaltschaft wirft Thomas Pepe vor, neuen Fehler gemacht zu haben.

00:04:38: Neunmal habe er eine Entscheidung getroffen, die gegen diese alpinistischen Grundlagen geht.

00:04:44: Wichtig ist an dieser Stelle, Thomas Pepe bekennt sich in dem Verfahren nicht schuldig.

00:04:48: Sein Anwalt spricht von einem schicksalhaften tragischen Unglück.

00:04:52: Für seinen Mandanten gilt die Unschuldsvermutung.

00:04:55: Wir haben Thomas P.s Anwalt um meine Stellungnahme angefragt und bis Redaktionsschluss keine Antwort erhalten.

00:05:01: Allerdings hat er vor Upstatements seines Mandanten weitergegeben, die wir in unserer Rekonstruktion verwenden.

00:05:07: Wer wissen will, was in dieser Nacht am Großglockner passiert ist, steht jedenfalls vor vielen Fragezeichen.

00:05:14: Es gibt Unklarheiten in der Kommunikation, Hubschrauberflug drüber, es gab Kontakt zu Alpine Polizei.

00:05:20: Also es gibt sehr viele noch offene Fragen.

00:05:23: Da steigt eine junge Frau mit ihrem Partner darauf, nur er kommt, lebend wieder runter und stellt sich einfach die Frage, warum hat er sie da oben zurückgelassen?

00:05:32: Warum sind sie nicht rechtzeitig umgekehrt, um sich in Sicherheit zu bringen?

00:05:37: Auch unsere Kollegen Gerhard Pfeil und Jonas Kraus vom Spiegel lässt der Fall einfach nicht los.

00:05:42: Was ist wirklich am Glockner passiert, wollen sie wissen.

00:05:46: Monatelang haben sie recherchiert, sich mit Ermittlungen beschäftigt, mit der Rettungskette in dieser Nacht und mit dem Berg.

00:05:54: Jetzt stehen sie hier am Fuß des Großglockner und wollen Schritt für Schritt nachvollziehen, was sich hier vor einem Jahr eigentlich abgespielt hat.

00:06:02: Wann und warum hat Thomas P. jene neuen Entscheidungen getroffen, die ihm die Staatsanwaltschaft heute als Fehler vorwirft und die laut Anklage zum Tod von Kerstin G. beigetragen haben sollen?

00:06:14: Dafür begeben sich unsere Kollegen auf die Route, die auch die beiden damals gegangen sind.

00:06:39: Er

00:06:41: kommt aus Salzburg, ist ein erfahrener Bergsteiger.

00:06:44: Man konnte auf seinem Instagram viele Bilder von seinen Bergtouren sehen.

00:06:50: Er war mehrfach auf dem Großglockner, hat da Kletterrouten in einem großen Schwierigkeitsgrad bewältigt.

00:06:57: Ja, es war ein richtiger Bergmensch.

00:07:00: Auch Kerstin G. geht viel in die Berge.

00:07:02: Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden.

00:07:06: Sie ist auch gerne in die Berge gezogen, war aber jetzt keine Alpinistin, hatte wenig Erfahrung jetzt mit Klettern, mit Hochtouren.

00:07:14: An der Stelle müssen wir noch mal kurz erklären, was ist eigentlich eine Hochtour?

00:07:19: Also Hochtouren sind anspruchsvolle Bergtouren, die meistens so auf über dreitausend Meter führen.

00:07:24: In den Alpen misst man da gern mal auf einem Gletscher unterwegs, kommt in steiles Gelände und braucht auch Kletterkenntnisse.

00:07:31: Das heißt, man muss auch ganz andere Ausrüstung mit dabei haben als für die üblichen Hüttenwanderungen.

00:07:36: Also Steigeisen, Pickel, Helm und mitunter geht man auch am Seil.

00:07:41: Kim und ich sind ja auch beide ganz gern mal am Berg unterwegs, aber eher so in der Höhe, wo man auf allem noch Karspreisknödel serviert bekommt.

00:07:49: Deshalb haben wir mit jemandem aus der Standardredaktion gesprochen, der sich auch in höheren Lagen auskennt.

00:07:56: Ich bin Reinhard Kleindl in Wissenschaftsheitaktör am Standard.

00:07:59: Ich habe einen Physik-Hintergrund, dadurch schreibe ich sehr gerne über Wissenschaft.

00:08:03: Ich habe aber auch einen Bergesport-Hintergrund, weil ich professionell Slack-Kleinern betrieben habe.

00:08:09: Das heißt, Reinhard Kleindl ist in seinem Leben nicht nur schon auf viele Berge geklettert, er hat dann dort auch noch eine Slack-Line aufgespannt und den schwindelerregenden Höhen quasi Seiltanz betrieben.

00:08:21: Am Großglockner war er zwar noch nicht, aber er weiß aus Erfahrung, wie solche Hochtouren aussehen und dass man sich schwer mit sportlichen Leistungen im Tal gleichsetzen kann.

00:08:31: Eine Route Indoor kann zum Beispiel nie und nimmer mit Klettern am Fels in der Höhe, womöglich sogar im Winter, verglichen werden.

00:08:38: Viele Leute in Österreich oder in Europa haben jetzt Erfahrungen in Kletterhallen gesammelt und werden drei Plus Klettern als Einsteigerrouten.

00:08:46: Da schickt man Kinder rauf, in der Kletterhalle, walk in der Park.

00:08:50: Aber dann verklettert man sie einmal und ist plötzlich in einer Boderstelle drinnen, die man mit Handschuhen und festen Schuhen fast nicht mehr bewältigt, auch wenn man eigentlich nicht fit ist.

00:08:59: Reinhard Kleindl sagt, für Hochtouren reicht eben ausgezeichnete Fitness allein gerade nicht.

00:09:06: In meiner Wahrnehmung ist da die Erfahrung mit das Wichtigste her.

00:09:10: Erfahrung sammelt man eben auch dadurch, dass man Bergtouren einfach macht, das sagt auch unser Kollege.

00:09:16: Viele nehmen sich für ihre erste Hochtour einen Bergführer oder gehen mit Freunden und Bekannten auf dem Berg, die sich da gut auskennen.

00:09:23: Dabei ist eins aber entscheidend.

00:09:25: Wenn ich mich am Berg deutlich besser auskenne als meine Begleitung, dann trage ich da auch mitunter die Verantwortung.

00:09:32: So sieht die Staatsanwaltschaft zumindest im Fall von Thomas P. und Kerstin G. Da geht es nicht nur um symbolische Verantwortung, sagt Gerhard Pfeil.

00:09:40: Für die Staatsanwaltschaft ist einfach klar, dass er die Verantwortung getragen hat für diese Tour.

00:09:47: Er hat den Aufstieg geplant.

00:09:50: Er ist ein erfahrener Bergsteiger und hat seine Freundin da mehr oder weniger geführt auf diesem Berg.

00:09:58: Thomas P. plant also die Tour für die beiden.

00:10:01: Auf den Großglockner führen mehrere Routen Hobbyalpinisten und Alpinistinnen aber zwei zur Auswahl.

00:10:08: Über den sogenannten Normalweg ist es im Sommer und im Winter gut möglich.

00:10:13: Man kann über den Stüdelgrad gehen, dann wird es ein bisschen technischer, dann muss man klettern.

00:10:17: Das ist dann vor allem im Winter bei Schnee und Eis, ein bisschen schwieriger.

00:10:20: Also für Menschen mit wenig Hochtuerfahrung ist für gewöhnlich der Normalweg die erste Wahl.

00:10:25: Und zwar im Sommer, weil dann auch die Hütten geöffnet haben und die Tour auf zwei Tage aufgeteilt werden kann.

00:10:31: Der Großgelockener ist immer eine große Herausforderung.

00:10:35: Man ist da mit dem vollen Equipment unterwegs, wenn man da rauf steigt, empfiehlt sich es wirklich, auch ein Bergführer zu nehmen, damit man da oben auch sicher ankommt.

00:10:45: Thomas P. entscheidet sich aber mit seiner Freundin nicht den Normal wegzunehmen.

00:10:49: Und sie gehen auch nicht im Sommer rauf.

00:10:52: Er will gemeinsam mit Kerstin G. den Glockner im Winter bezwingen, über den sogenannten Stüdelgrad, die deutlich schwieriger Route.

00:10:59: Diese Routenwahl ist laut Anklage Thomas P.s.

00:11:02: erster Fehler.

00:11:04: Warum er diese Route zu dieser Zeit anpeilt, darüber können wir nur spekulieren.

00:11:09: Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es im Winter weniger los ist.

00:11:13: Österreichs Höchsterberg ist natürlich ein Magnet für Alpine-Fans.

00:11:17: Da kann es schon mal Staus geben.

00:11:20: Und der Stüdelgrad im Winter hat eine Besonderheit, die Thomas P. vielleicht als Vorteil gesehen haben könnte.

00:11:27: Das ist im Winter zum Großteil eine Ski-Tour zum Großglockner.

00:11:30: Man geht den unteren Teil bis zum Einstieg als Ski-Tour.

00:11:35: Das machen viele.

00:11:36: Das ist natürlich auch sehr reizvoll in den Aufstieg zum Glockner noch anzuschließen an die Ski-Tour, weil man dann hinten einfach mit Skiern wieder runterfahren kann.

00:11:43: Das könnte eine Überlegung von Thomas P. gewesen sein.

00:11:46: Was für die Staatsanwaltschaft aber nichts daran ändert.

00:11:49: Die Tour ist für Kerstin G. zu anspruchsvoll und zu lang.

00:11:53: Dazu kommt ein Umstand, den die Staatsanwaltschaft als weitere Fehlentscheidung definiert.

00:11:58: An dem Tag im Januar, zwei Tausendfünfundzwanzig, hat Thomas P. Skischuhe und Tourenskier dabei.

00:12:04: Kerstin G. dagegen ist mit einem Splitboard unterwegs.

00:12:08: Ein Splitboard, das ist ein Snowboard, das man in zwei Hälften teilen kann, mit denen man dann wie mit Tourenskieren den Berg raufgeht.

00:12:16: Fürs Abfahren setzt man die dann wieder zusammen und hat ein Snowboard.

00:12:20: Der große Unterschied, man trägt dabei keine Skischuhe, sondern Snowboard-Softboots.

00:12:25: Bei weniger anspruchsvollen Skitouren ohne Kletterpartie macht das keinen großen Unterschied.

00:12:30: Aber wenn wie beim Glockner eben noch eine Kletterpassage ansteht, dann ist es schon heikler.

00:12:36: Es gibt für diese Boots tatsächlich Steigeisen, aber die geben dir eigentlich nicht genug Halt zum Klettern in so einem Gelände.

00:12:44: Du kannst die Dritte nicht so gut ansteigen, wie das mit einem Shishu funktioniert.

00:12:53: Die Staatsanwaltschaft sagt, als erfahrener Backsteiger hätte Thomas P. wissen müssen, dass die Softboots für seine ohnehin weniger erfahrene Freundin zum Problem werden könnten.

00:13:03: Doch er beanstandet die Ausrüstung nicht.

00:13:06: So kommt es, dass sich das Paar an einem kalten Januar morgen auf den Weg zum Glockner macht.

00:13:29: Unsere Kollegen sagen, ihr Bergführer besteht darauf, dass sie um fünf Uhr morgens losgehen.

00:13:34: Also fünf Uhr spätestens ist der Start und er hat gesagt, keine Minute später gehen wir los, weil es ist eine lange Tour und wir müssen uns sputen, darauf zu kommen.

00:13:44: Der frühe Start ist dabei essentiell, weil eine Tour wie die auf den Großglockner unbedingt bei Tageslicht stattfinden sollte.

00:13:51: Und gerade im Winter sind die Tage eben kurz.

00:13:54: Die Sonne geht schon um siebzehn Uhr unter, wenig später ist es dann komplett dunkel.

00:13:58: Dann sollte man eigentlich schon wieder im Tal sein.

00:14:01: Jedenfalls auf keinen Fall mehr im schwierigen Gelände.

00:14:05: Schon der Startzeitpunkt von Thomas P. und Kerstin G. damals ist also laut Anklage ein Problem.

00:14:11: Dann sind sie weiter mit Ski und Splitboard und sind dann zur Stüttelhütte aufgestiegen.

00:14:16: Das ist ein relativ einfaches Ski-Tour mit ein paar Schwierigkeiten, aber jetzt nix, wo man klettern muss.

00:14:21: Und die Stüttelhütte liegt auf zwei tausend, achthundert Meter.

00:14:23: Also knapp tausend Höhenmeter haben die gemacht und dafür ungefähr drei Stunden gebraucht.

00:14:28: Was jetzt nicht super langsam ist, aber auch echt schnell.

00:14:31: Knapp tausend Höhenmeter in drei Stunden, das ist so ein Tempo, das ich als Hobby-Tourngerin schon beachtlich finde.

00:14:38: Aber Zeitwett gemacht haben die beiden damit eben nicht.

00:14:42: Übrigens, wenn ihr euch fragt, warum wir solche Details wissen wie wann und wo die beiden gerade wo gewesen sein dürften, die wissen wir unter anderem durch das Alpine-Gutachten der Staatsanwaltschaft.

00:14:55: Dafür wurden unter anderem die Fitness-Uren der beiden ausgewertet.

00:14:59: Das Vorhaben der beiden ist aber nicht nur körperlich, riskant und anstrengend, Es gibt noch einen Punkt, der ihre Tour über den Stüdelgrat im Winter noch mal riskanter macht.

00:15:10: Und das ist das Wetter.

00:15:12: Die Verhältnisse waren wirklich nicht gut, deswegen waren die beiden auch so gut wie allein am Berg.

00:15:16: Die Staatsanwaltschaft schreibt in der Anklage, dass im Laufe des Tages Windgeschwindigkeiten von bis zu seventy vier kmh geherrscht haben.

00:15:23: Also das ist ein ziemlicher Sturm, auch wenn es wahrscheinlich nur in Böen aufgetreten ist.

00:15:28: Der Wind in so einer Höhenlage ist nicht nur ungemütlich.

00:15:32: Er macht die ohnehin eisigen Temperaturen da oben auch einfach nochmal bedrohlicher.

00:15:37: Die Temperaturen lagen bei bis zu minus acht Grad und bei so niedrigen Temperaturen und so einem starken Wind, da greift einfach dieser sogenannte Windchill-Effekt und dann hast du gefühlte Temperaturen von minus zwanzig Grad.

00:15:48: und wenn man dem lange ausgesetzt ist, vor allem auf so einem Grad, wo einen irgendwie wenig schützt, wo man voll im Sturm steht, dann kann das schon sehr, sehr ungemütlich werden.

00:15:57: Auch unser Kollege Reinhard Kleindl kennt den Windchill-Effekt am Berg aus eigener Erfahrung.

00:16:03: Windchill ist in dem Fall, man kann sich das vorstellen, man hat Kleidung an und man wärmt die Umgebung auf, man wärmt seine Kleidung auf, man wärmt auch ein bisschen die Luft in der Umgebung auf.

00:16:12: und wenn da jetzt Wind bläst, dann bläst dann die eigene Wärme auch schneller weg.

00:16:17: Das ist einer der Gründe, warum bei Wind man schneller auskühlt, wenn der Wind kalt ist.

00:16:22: Das andere ist natürlich, dass die Hautoberfläche, dass man immer ein bisschen schwitzt.

00:16:27: Wer nochmal im Winter laufen, war weiß, wie schnell diese Kombination aus Schwitzen, Kälte und daneben auch noch Wind sich richtig bedrohlich anfühlen kann.

00:16:36: Der Körper kühlt viel schneller aus.

00:16:38: Für eine Hochtour wie über den Stüdelgrad sind solche Windsteigen deshalb absolut ungeeignet.

00:16:44: Man muss sich das jetzt einfach mal vorstellen.

00:16:46: Man befindet sich in einem Absturzgelände.

00:16:49: Es geht links und rechts runter.

00:16:51: Der Wind pfeift.

00:16:52: Man klettert da durch kombiniertes Gelände, durch Fels und Eis mit Steigeisen.

00:16:59: Man kann manchmal vielleicht sein eigenes Wort nicht verstehen, weil der Wind so rauscht.

00:17:03: Die Sicht ist eingeschränkt, schwierig.

00:17:07: Selbst für einen erfahrenen Top-Alpinisten ist so eine Situation, wie Gerhard sich hier beschreibt, mindestens sehr, sehr unangenehm.

00:17:15: Aber jemand, der das nicht kennt oder nicht gewöhnt ist, für den ist das bedrückend.

00:17:20: Das wünscht man eigentlich niemandem, bei solchen Behältnissen da oben in solchen Höhen herumzuklettern.

00:17:25: Das ist einfach erschütternd.

00:17:27: Man kann sich das schon vorstellen, dass das für die Frau eine sehr, sehr, sehr, sehr schwierige Situation war da oben.

00:17:33: Gegen neununddreißig erreichen die beiden dann die Stüdelhütte auf zwei tausend achthundert Metern.

00:17:38: An der Stelle wollen wir mal betonen.

00:17:40: Allein diese Höhe ist schon echt beachtlich.

00:17:42: Man braucht eine gute Grundkondition.

00:17:45: Wer wie ich in Berlin wohnt und nicht regelmäßig in so einer Höhe unterwegs ist, kommt ihr ganz schön ins Schnaufen.

00:17:51: Das Paar macht jetzt ca.

00:17:52: zwanzig Minuten Rest.

00:17:54: Auch unsere Kollegen machen hier nochmal eine kleine Pause, nehmen eine Brotzeit.

00:17:59: Wenn man die Stühle erreicht hat, dann lädt die natürlich mal ein, um da erst mal eine Pause zu machen.

00:18:05: Man hat einen tollen Blick auf diese Bergwelt, man sieht den Gipfel grad, man kann sich da schon im Bild machen von den Schwierigkeiten, die da jetzt auf einen zukommen.

00:18:16: Ab diesem Punkt ändert sich auch die Umgebung.

00:18:19: Man befindet sich jetzt im hochalpinnen Gelände.

00:18:21: Der Gletscher erstreckt sich vor einem.

00:18:24: Und der Gletscher, das ist nicht einfach ein bisschen Schnee.

00:18:27: Vor allem im Winter muss man hier besonders vorsichtig sein.

00:18:30: Da muss man sich anseilen, da sind Spalten, in die man reinfallen kann.

00:18:34: Die waren alle zugeschneit.

00:18:36: Der Bergführer kennt natürlich auch den richtigen Weg und so haben wir uns über den Gletscher dann in Richtung des Einstiegs bewegt.

00:18:44: Unsere Kollegen legen diese Strecke in Bergschuhen zurück und wandern damit den Gletscher hoch.

00:18:49: Thomas P. und Kerstin G. machen diesen Abschnitt mit Tourenschieren.

00:18:54: Hier ist diese Art von Ausrüstung für sie noch ein Vorteil.

00:18:58: Wir haben auch Turngeher gesehen, die da mit Skiern rauf sind.

00:19:01: Die hatten es da oben ein bisschen einfacher.

00:19:03: Wir sind ziemlich stark eingesunken in dem tiefen Schnee.

00:19:06: Die sind da flott durchs Gelände und waren dann schneller oben als wir.

00:19:10: Trotzdem, eins ist für beide Varianten gleich.

00:19:14: Zudem Zeitpunkt hat man schon über thousand dreihundert Höhenmeter in den Beinen.

00:19:18: Als Vergleich aus meiner Heimat Tirol, das wäre einmal von Innsbruck bis aufs HfLK auf der Nordkette.

00:19:24: Oder für die Berlinerinnen fast zwanzig Mal hoch auf den Teufelsberg.

00:19:29: Eine wirklich beachtliche Tagestour also.

00:19:31: Ob Kerstin G. an dieser Stelle schon erschöpft ist, ist allerdings schwierig zu sagen.

00:19:36: Laut dem Alpingutachten der Staatsanwaltschaft haben sie für diese Etappe auch schon länger gebraucht, als eigentlich vorgesehen wäre.

00:19:43: Drei Stunden zu lang.

00:19:46: Da wird ein Zeitlimit angegeben von zwei Stunden.

00:19:48: Wenn man es nicht auf zwei Stunden schafft, sollte man besser umdrehen.

00:19:51: Das macht das Paar aber nicht.

00:19:53: Die beiden gehen weiter.

00:19:54: Vielleicht weil Thomas P. die Route schon öfter gegangen ist und sich auskennt oder aus einem anderen Grund.

00:20:01: Das ist aber auch nur eine Vermutung.

00:20:02: Es ist auch bergsteigerischer Ehrgeiz gewesen, um sich da auch irgendwie so ein bisschen meriten zu verschaffen.

00:20:09: Wann dreht man besser um?

00:20:11: Wann geht man weiter?

00:20:12: Viele werden sich diese Fragen bei Wanderungen auch schon mal gestellt haben.

00:20:16: Wenn das Wetter schlechter wird oder jemand aus der Gruppe nicht mehr so fit ist.

00:20:21: Klar, diese Entscheidung zu treffen ist nicht immer einfach.

00:20:24: Aber für unseren Kollegen Reinhard Kleinbel ist zumindest ganz klar, wer sie zu treffen hat.

00:20:30: Der Erfahrung, der muss natürlich immer die Situation und die Lage von der Zeit und Person im Auge behalten und immer abschätzen, wie geht's und was ist machbar und was ist nicht machbar.

00:20:39: Das heißt, man muss an bestimmten Teilen der Tour einfach entscheiden, ist noch alles in Ordnung, wie schaut unser Kondition aus, wie weit haben wir noch zum Gipfel.

00:20:49: Und wieder runter.

00:20:50: So sieht es jedenfalls auch die Staatsanwaltschaft, die dem Angeklagten Thomas P. hier den Fehler vorwirft.

00:20:56: Er hätte längst bemerken müssen, dass seine Tourenplanung einfach nicht aufgeht.

00:21:01: Vor allem, da zu diesem Zeitpunkt der anstrengendste Teil der Route noch vor

00:21:05: ihm liegt.

00:21:06: Wenn ich jetzt so lange brauche bis zu diesem Einstieg und ich bin körperlich schon angeschlagen, dann fange ich an zu überlegen, genau an der Stelle mache ich das jetzt noch.

00:21:17: gehe ich da jetzt wirklich auf diesen Grad drauf, um darauf zu klettern.

00:21:20: In dem Fall von den beiden Pfeif der Wind, die Sicht ist nicht optimal, es sind keine Verhältnisse für ein gutes Bergsteigen am Großglockner.

00:21:29: Da dreht man eigentlich um und sagt, dann probieren wir es einfach im Sommer nochmal und dann ist alles gut.

00:21:40: Unsere Kollegen Jonas Krause und Gerhard Pfeil befinden sich nach wie vor auf den Spuren von Thomas P. und Kerstin G. Jetzt stehen die beiden Spiegelkollegen am Einstieg zum Stüdelgrad, der sogenannten Peterstiege.

00:21:51: Vor ihnen liegt der erste technisch anspruchsvolle Teil, bei dem geklettert werden muss.

00:21:57: Sie sind bereits einige Stunden unterwegs und spüren das auch in den Knochen.

00:22:01: Doch leichter wird es hier definitiv nicht.

00:22:05: Als wir da am Einstieg zum Stüdelgrad waren, da wussten wir schon, okay, das ist eine lange Tour bis dahin und da hat man schon einige Körner.

00:22:14: gelassen und das Schwierigste kommt dann erst.

00:22:18: Einige Körner gelassen, also diesen Spruch habe ich hier zum ersten Mal gehört.

00:22:22: Gerd meint, dass Jonas und er hier schon ziemlich erledigt sind.

00:22:26: Wer sich fragt, warum wir das so oft betonen, wie tricky und anstrengend der Weg ist, wir packen euch mal ein Video in die Show Notes, das eindeutig zeigt, warum hier Alpinistinnen, auch wenn sie erfahren sind, zweimal überlegen, wo sie hintreten.

00:22:40: Man hat am Anfang fast ein senkrechtes Stück, wo man hochklettern muss.

00:22:44: Man braucht auf jeden Fall die Steigeisen im Winter, weil einfach im Winterkletterteil schwieriger ist als im Sommer.

00:22:49: Es liegt Schnee drin, es ist viel vereist.

00:22:52: Wobei man dazusagen muss, in welchem Zustand Bergsteigerinnen den Stügelgrad vorfinden, das wird immer schwerer vorhersehbar.

00:23:00: Die Bedingungen ändern sich immer wieder.

00:23:03: Dieser Stüdelgrad verändert sich.

00:23:04: Das ist alles eine Folge auch von der Erderwärmung, vom Klimawandel.

00:23:07: Das Eis, die sich zurücklegt, legt mehr vom Fels frei.

00:23:10: Deswegen ist der Einstieg jetzt zurzeit steiler, als er noch vor ein paar Jahren war, weil einfach vorher dieses Steilstück ganz unten noch unter dem Eis gelegen hat.

00:23:18: Wir wissen nicht, ob Thomas P. diese schwierigeren Verhältnisse bereits kennt, als er im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr mit seiner Freundin dort hochgeht.

00:23:26: Jedenfalls meistern die beiden die Einstiegsstelle zum Stüdelgrad und steigen weiter bergauf.

00:23:31: bis zum nächsten entscheidenden Punkt der Route, dem sogenannten Frühstücksplatz.

00:23:36: Das Frühstücksplatz ist so ein gut geschützter Bereich, ungefähr ein Hälfteweg zum Gipfel, wo man noch mal Pause machen kann, wo man sich noch mal stärken kann.

00:23:44: Das Frühstücksplatz heißt übrigens so, weil eben viele Wanderer die Gipfeltour zum Glockner in zwei Tagen machen.

00:23:51: Bei dieser Variante übernachtet man dann auf der Stüdelhütte, startet früh auf den Grad und erreicht den Platz pünktlich zum Frühstück.

00:23:59: Bei dieser Zwei-Tages-Tour hat man auch viel mehr Zeit, die letzten zweieinhalbzig Höhenmeter zum Gipfel zu nehmen.

00:24:05: Und man ist natürlich weniger erschöpft.

00:24:08: Diese Stelle ist für unseren Fall entscheidend, weil das Tarar hier nochmal schwieriger wird.

00:24:13: Aber da muss man dann wirklich die Entscheidung treffen, gehe ich jetzt weiter oder lasse ich das jetzt lieber bleiben, weil das ist der letzte Punkt, an dem man noch sicher umkehren kann.

00:24:25: Hier ist also ein Point of No Return.

00:24:28: Deshalb wird auch nochmal ein Zeitlimit gesetzt.

00:24:31: Sogar ein Schild ist hier im Fels festgeschraubt, auf dem steht...

00:24:35: Drei Stunden Aufstiegszeit von der Stüdelhütte.

00:24:38: Bei Überschreitung der Richtzeit wird die Umkehr empfohlen.

00:24:41: Ab hier

00:24:41: beginnen die Hauptschwierigkeiten.

00:24:43: Wer diese Marke reist, sollte am besten umdrehen.

00:24:48: Der Grund, ab hier muss man quasi auf den Gipfel und auf der anderen Seite wieder runter.

00:24:53: Einfach, weil die Route es anders kaum zulässt.

00:24:56: Die Zeit ist also wirklich der entscheidende Faktor.

00:25:00: Thomas P. und Kerstin G. erreichen das Frühstücksplatz erst am Nachmittag um vierzehn Uhr fünfzig, zwei Stunden vor Sonnenuntergang.

00:25:09: Und das ist einfach zu spät.

00:25:12: Viel zu spät.

00:25:13: Ich kann nur sagen, was der Bergführer uns gesagt hat.

00:25:16: Er hat gesagt, elf Uhr ist für ihn immer so ein Zeitpunkt.

00:25:20: Da will er mit Kunden am Frühstücksplatz sein im Winter.

00:25:24: Und wenn man den Zeitpunkt nicht geschafft hat, dann dreht er um aus Sicherheitsgründen.

00:25:30: Doch das Paar kehrt nicht um.

00:25:33: Auch wenn hier bereits klar gewesen sein muss, dass sie den Weg zum Gipfel und den Abstieg nicht mehr bei Tageslicht schaffen können.

00:25:41: Der Gipfel ist hier aber bereits in Sichtweite.

00:25:44: Vielleicht haben sie sich davon täuschen lassen.

00:25:46: Hier passiert also laut Staatsanwaltschaft wieder ein Fehler.

00:25:50: Weil die großen Kletter-Schwierigkeiten jetzt erst kommen und weil es sehr, sehr lange bis zum Gipfel noch dauert.

00:25:58: Unsere Kollegen Gerhard und Jonas beenden ihre Tour knapp vor dem Frühstücksplatz und steigen hier ab.

00:26:04: Sie wollten sich auf der Route einen Eindruck von den Bedingungen verschaffen.

00:26:08: Und eines ist ihnen dabei klar geworden, unabhängig von der strafrechtlichen Bewertung des Geschehens.

00:26:14: Was mir tatsächlich durch den Kopf gegangen ist, als wir da dann auch am Gerad rumgeklettert sind, bei idealen Bedingungen, was für eine unglaubliche Leistung diese junge Frau da eigentlich abgeliefert hat an dem Berg an diesem Tag.

00:26:28: Gerhard Pfeil und Jonas Graus treten den Rückweg an.

00:26:32: Thomas P. und Kerstin G. gehen an dieser Stelle weiter, lassen das Frühstücksplatz hinter sich und machen sich auf den Weg zum Gipfel.

00:26:40: Aber darüber sprechen wir in der nächsten Folge von Inside

00:26:43: Austria.

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00:27:35: Danke fürs Zuhören und allen, die auch hinter den Kulissen an diesem Podcast

00:27:39: mitwirken.

00:27:40: Das waren diesmal vor allem Sven Preger, Schold Wilhelm und Christoph Neuwild.

00:27:45: Ich bin Kim Höbel.

00:27:46: Ich bin Antonia Raut.

00:27:48: Wir sagen Tschüss und Papa.