Der Podcast über die großen und kleinen Skandale Österreichs
00:00:06: In der Gemeinde Kufstein in Tirol steht eine Kapelle.
00:00:09: Eine winzige Kirche mit weißer Fassade und einem Türmchen, sie steht auf einer Wiese umgeben von Bergen.
00:00:17: Wenn man durch die Tür kommt stehen rechts und links ein paar Bankreihen aus Holz.
00:00:22: Vorne ist der Altar mit heiligen Figuren und Kerzen.
00:00:26: Daneben an der Wand hängen eingerahmte Notizen Danksagungen und Fürbitten von Besuchern, die wir hier waren Und da hängt eine kleine Tafel aus Keramik.
00:00:37: Ein paar Worte auf Spanisch sind eingraviert.
00:00:40: Gracias por vendidos años de felicidad, Olga y Alejandro.
00:00:45: Danke für zwanzig Jahre voller Glück!
00:00:52: Olga und Alejandro – das sind meine Großeltern.
00:00:56: Sie haben am vierzehnten Februar, neunzehnhundertneinundfünfzig geheiratet.
00:01:01: Und zwar hier in dieser Kapelle in Tirol.
00:01:05: Es gibt nämlich etwas, was ich in diesem Podcast noch nie erzählt habe.
00:01:09: Ich bin zwar Deutsche aber ich hab österreichische Vorfahren!
00:01:15: Ich bin Lucia Heisterkamp vom
00:01:16: Spiegel und ich bin Antonia Raut vom Standard.
00:01:20: In dieser Folge von Inside Austria sprechen wir über Lucias Familiengeschichte die bis nach Tirol reicht und nach Südamerika
00:01:28: führt.
00:01:29: es geht um Migration im zwanzigsten Jahrhundert um den Traum vom neuen Leben in Amerika ein gigantischen Betrug und eine Liebe,
00:01:39: die eigentlich
00:01:40: verboten war.
00:01:52: Gut!
00:01:53: Können wir erst mal einen Test machen?
00:01:55: Sagen Sie mal irgendwas da rein...
00:01:57: Hallo hallo ich bin Geltina Heisterkamp.
00:02:00: Das ist meine Mutter.
00:02:02: Wir treffen uns damit sie mir unsere Familiengeschichte erzählt.
00:02:05: Die habe ich zwar schon oft gehört aber eben noch nie vor dem Mikro.
00:02:08: Jetzt fangen wir einfach an oder?
00:02:10: Okay Meine Mutter Kristina ist sechsundsechzig Jahre alt und lebt im Wendland.
00:02:16: Das liegt in Niedersachsen, so ungefähr zwischen Hamburg und Berlin.
00:02:20: Aber ihr hört es vielleicht an ihrem Akzent – sie kommt ursprünglich nicht aus Deutschland sondern aus Argentinien!
00:02:26: Als junge Studentin hat sie sich für ein Auslandsdipendium in Deutschland beworben, hat dann hier mein Vater kennengelernt und ist für immer geblieben.
00:02:34: Aber ihre Wurzeln reichen nicht nur bis nach Argentinian, sie führen auch nach Österreich….
00:02:39: plus hier als ich dich kennengelernt habe, da hab' ich ja eigentlich gedacht du bist so eine ganz normale Deitsche heute.
00:02:46: Eigentlich bist du ja auch hier im Podcast immer die, die sich über uns Österreicherinnen und Österreichern wundert.
00:02:51: Ja also das tue ich auch ganz ehrlich!
00:02:54: Ich werde oft gefragt warum mich ausgerechnet einen Podcast über Österreich hoste?
00:02:58: Und ich sage dann noch immer dass es eigentlich reiner Zufall war.
00:03:01: Also ich wurde damals gefragt ob ich mir vorstellen könnte in Zeit Austria zu moderieren sozusagen als sie Deutsche die eigentlich nichts über Österreich weiß und die dann viele Fragen stellt...und so war's auch.
00:03:11: Ja aber irgendwann hast Du mir dann mal erzählt so eher fast nebenbei dass man deinen Familienstammbaum auch nach Tirol zurückverfolgen könnte, wenn mal ein paar Generationen zurückgeht.
00:03:22: Ja genau!
00:03:22: Also ich muss sagen, ich denke da selber selten dran weil seit ich auf der Welt bin gibt's keine Verwandte mehr von uns.
00:03:28: Aber ja die Spuren der Familie meiner Mutter führen aus in alle möglichen Länder – nach Paraguay, Russland und eben nach Tirol.
00:03:41: Dort wird im Jahr zehntinzehn der Großvater meiner Mutter geboren Rudolf Schwach genannt Rudi.
00:03:49: Also, weit ich weiß ist mein Opa Rudi der älteste von vier Geschwistern gewesen.
00:03:56: Meine Mutter hat ihren Großvater Rudi noch kennengelernt.
00:03:59: Er hatte blondes Haar und blaue Augen ein unternehmungslustiger Typ und wohl sehr naturverbunden.
00:04:05: Stimmt mir das einen richtig typischen kernigen Tiroler vor?
00:04:08: Ja wahrscheinlich!
00:04:10: Die Familie lebt in der Gemeinde Kufstein.
00:04:12: Antonia, das kennst du ja bestimmt oder?
00:04:14: Ja klar, also Kufstein.
00:04:15: Das liegt noch ein Stück weiter östlich von Innsbruck mit dem Autos in das ungefähr anderthalb Stunden von meinem Heimatdorf im Pizdal aus.
00:04:23: Die kleine Stadtdie gilt als Perle Tirols – das liegt an der malerischen Altstadt mit kleinen süßen Gassen und wunderschönen Häuserfassaden.
00:04:32: Das Städtchen hat so ungefähr zwanzigtausend Einwohnerinnen und Einwohnern und liegt eben direkt am Inn umgeben von Bergen.
00:04:39: In Österreich kennt vielleicht der eine oder andere das Kufsteinlied!
00:04:43: Hängst du die Perle?
00:04:46: Die Perle, die los.
00:04:50: Da steht
00:04:51: hier ein Pustein!
00:04:54: Das kennst Du
00:04:55: wohl.".
00:04:58: Das sinkt hier Hansi hinter sehr und er hat schon recht.
00:05:01: es ist er wirklich ziemlich idyllisch zumindest landschaftlich.
00:05:05: auf keinen Fall eine schlechte Gegend zum Aufwachsen für deinen Urober würde ich sagen.
00:05:09: Wobei die Zeiten so kurz nach der Jahrhundertwende natürlich sehr hart waren.
00:05:13: Zwischen nineteenhundert vierzehn und neunzehundertachzehn top der Erste Weltkrieg.
00:05:17: auch viele Tiroler sterben an der Front.
00:05:20: Wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und Armut machen sich breit – auch in den Jahren
00:05:24: danach.".
00:05:25: Ja das spürt auch die Familie von Rudi Schwacht damals.
00:05:29: Sein Vater ist Schuhmacher und hat einen kleinen Betrieb in Kufstein.
00:05:33: Die Eltern beide katholisch haben insgesamt vier Kinder.
00:05:36: neben Rudi noch eine Tochter Erna und zwei jüngere Söhne.
00:05:41: Das harte Leben macht der Familie zunehmend zu schaffen.
00:05:45: Also es waren nicht die glücklichsten Verhältnisse?
00:05:47: Denn auch die Ehe der Eltern läuft jetzt nicht besonders gut.
00:05:51: In dieser krisenhaften Zeit, Mitte der neunzehntzwanziger Jahre, da zieht ein Mann durch die Roll – Ein Investor!
00:06:00: Er klingelt an den Türen der Leute im Intal und macht ihnen ein verlockendes Angebot.
00:06:10: Dort, so sagt es könnten die Österreicher sich ein neues Leben als Farmer aufbauen und vielleicht ja sogar reich werden.
00:06:17: Und der Mann schilderte das wohl in den besten Farben?
00:06:22: Auch der Familie Schwach präsentiert der Investor sein Angebot – vor allem der Vater ist sofort sehr angetan!
00:06:28: Die Probleme in der Heimat hinter sich lassen und mit den vier Kindern neu starten mit einem eigenen Stück Land….
00:06:35: …und dass auch noch im Warmen Südamerika.
00:06:37: Also, das käme mir gerade tatsächlich auch verlockend vor.
00:06:40: Ja also Vater Schwach ist wohl sehr begeistert und schreite dann auch schnell zur Tat.
00:06:45: er will die Chance auf keinen Fall verpassen.
00:06:47: Er verkauft seinen Schusterbetrieb Und die Familie trennt sich von allem was ich irgendwie zu Geld machen lässt.
00:06:53: Sie haben wirklich alles verkauft um neu zu beginnen.
00:06:57: Mit dem Geld kauft der Vater den Investor die Papiere für die Farm in Brasilien ab.
00:07:03: Dann packt die Familie auch schon ihren Koffer Vielleicht ein zweites Paar Schuh, ein paar Klamotten.
00:07:08: Etwas
00:07:08: Schmuck.".
00:07:09: Und vielmehr haben sie nicht mitgenommen außer das Geld und die Papiere, dass ihnen so nun Großgrundbesitzer werden würden.
00:07:18: Lucia, die Familie deines Urgroßvaters ist damals nicht allein mit ihrer Entscheidung nach Südamerika zu migrieren.
00:07:24: Ich komme ja aus dem Tiroler Oberland und auch aus dieser Gegend sind ziemlich viele Menschen ausgewandert – meistens arme Bergbauern, die auf ein besseres Leben gehofft haben.
00:07:35: Wir lernen es auch in der Volksschule.
00:07:37: Ich habe mich immer schon für Geschichte interessiert und ich kann mich noch erinnern, wie mich das als Kind fasziniert hat.
00:07:43: Ich wollte dann immer wissen wer waren diese Menschen?
00:07:46: Und ich finde es unglaublich dass sich heute, zwanzig Jahre später wirklich eine dieser Geschichten höre.
00:07:52: Aber wie viele Österreicherinnen sind eigentlich damals insgesamt ausgewandert?
00:07:57: Also das ist relativ schwer zu quantifizieren von Österreich aus.
00:08:02: Es gab jetzt nicht eine offizielle Stelle, wo dann jede Auswanderung ganz genau festgehalten
00:08:07: würde.".
00:08:08: Hier hört ihr Edith Plaschitz – sie ist Zeithistorikerin an der Universität für Weiterbildung in Krems und hat lange zur Auswanderung nach Südamerika geforscht.
00:08:17: Sie sagt Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen nineteenhundertundzwanzig und neunzehnhundertsiebenunddreißig über fünfundsebzig tausend Österreicherinnen und Österreichern nach Übersee migriert sind.
00:08:28: Davon fast vierzehntausend nach Brasilien und fast elftausend nach Argentinien.
00:08:34: Die meisten Österreicher wandern damals aus wirtschaftlichen Gründen aus sowie auch deine Familie Lucia.
00:08:40: Also das ist was wir halt so klassisch auf den bisschen abschätzig die Arbeitsmigration nennen.
00:08:46: Edith Plaschitz sagt, Anfangs sind noch die Vereinigten Staaten das Hauptzielland.
00:08:51: Klar den American Dream kennt man ja heute noch und der zieht damals schon viele Europäer an!
00:08:58: Aber als die USA-Ninzenhundertzwanzig ihre Aufnahmebedingungen verschelfen, da verlagern sich die Migrationsströme nach Südamerika – denn in dünn besiedelten Ländern wie Brasilien oder Argentinien wird noch richtig um Einwanderer geworben….
00:09:13: Das Blick der Staatsführung waren das Länder, die man wirtschaftlich voran bringen wollte.
00:09:18: Die man modernisieren wollte, wo man ein Staatswesen ausbauen wollte und es fehlte an Menschen einfach.
00:09:25: Während die Staatsführungen die indigene Bevölkerung zurückdrängen will sind europäische Migranten besonders gern gesehen.
00:09:32: Das waren auch sozusagen rassistische Gedankengänge, die eine große Rolle gespielt haben.
00:09:38: Man wollte Weise eine Wanderung ins Land bringen.
00:09:41: Länder wie Brasilien und Argentinien setzen deshalb auf eine liberale Einwanderungspolitik ohne große Beschränkungen.
00:09:49: Und sie werben eben gezielt um Migranten in Europa.
00:09:52: Es gab Agenturen, es gab so richtige Anwerfe-Agenturen, Schiffsagenten die ihre Tickets verkaufen wollten... Auch
00:09:59: die Familie meines Urgroßvaters wird damals ja von diesem Investor angeworben.
00:10:04: Es ist viel über Mundpropaganda gelaufen.
00:10:06: also sozusagen da ging einmal einer vom Dorf irgendwo hin Der dann natürlich zurückgeschrieben hat, ach wie toll.
00:10:13: Ich lebe hier
00:10:13: wunderbar.".
00:10:14: Diese Beschreibungen sagt die Historikerin Edith Plaschitz sind nicht immer sehr verlässlich.
00:10:20: Es kursieren damals viele falsche Informationen über die Zielländer und man kann ja nicht wie heute mal schnell googeln oder für ein paar Wochen mal rüberfliegen und sich das anschauen.
00:10:29: Die Auswanderer sind angewiesen auf DIE Infos, die sie von anderen bekommen.
00:10:33: Und natürlich Sprachkennnisse.
00:10:35: also ich würde jetzt einmal sagen... Zu gut wie niemand konnte.
00:10:39: Spanisch, Portugiesisch, der da rüberkam.
00:10:41: also das war irgendwie schon klar dass das so was völlig Neues ist.
00:10:46: man hatte die Hoffnung dass es etwas Besseres ist aber man hat im Endeffekt keine Ahnung was einen dann tatsächlich erwartet hat.
00:10:54: Es ist ein Sprung ins Ungewisse und ein enormes Risiko auch für die Familie Schwach in Kufstein.
00:11:08: Mein Ur-Opa Rudi Schwach ist sechzehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern und den drei Geschwistern auf das Schiff steigt, dass sie nach Sao Paulo bringen soll.
00:11:17: Die Überfahrt dauert mehrere Wochen.
00:11:20: Rudi die Eltern und Geschwisters können es kaum erwarten endlich in Brasilien an Land zu gehen.
00:11:25: Obwohl Sie kein Wort Portugieses sprechen freuen Sie sich auf Ihr neues Leben!
00:11:29: Lucia und ich haben da ein bisschen nachgeforscht, wir haben eine Datenbank gefunden auf der Schiffsfahrten von Europa nach Brasilien in den neunzehntundzwanziger- und dreißigerjahren registriert sind.
00:11:41: Und tatsächlich als wir den Namen Schwach eingeben, da erscheint sein Eintrag Rudolf Schwach aus Österreich, katholisch Ankunft neunter Mai nineteenhundertsiebenundzwantzig.
00:11:52: Das Datum könnte ziemlich gut passen.
00:11:54: allerdings ist es alter was das steht falsch und als Wohnort ist Wien angegeben, nicht Kufstein.
00:12:00: Das heißt entweder dieser Rudolf Schwach ist doch ein anderer Österreicher mit dem selben Namen der nach Brasilien ausgewandert ist oder die brasilianischen Behörden haben bei der Einreise damals irgendwas durcheinander
00:12:11: gebracht.".
00:12:11: Und das könnte ziemlich gut sein meint Historikerin Edith Plaschitz.
00:12:15: weil die meisten Einwanderer eben kein Wort portugiesisch gesprochen haben gestaltet es sich diese Kommunikation mit den Behörde vor Ort damals schwierig und deshalb sind bei der Registrierung oft Fehler passiert.
00:12:27: Wenn wir so Migrationslisten anschauen, also da wären Namen falsch hingeschrieben oder man einigte sich dann drauf auf irgendeinen Namen den Bein irgendwie verstehen.
00:12:37: Gehen wir also einfach mal davon aus dass das Schiff mit meinem Großvater, den Geschwistern und Eltern an Bord im Mai, die von Zappaulo anliegt.
00:12:47: Warme Luft schlägt ihnen gegen.
00:12:49: Erstmal heißt es Schlange stehen für die Registrierung.
00:12:52: Danach hält der Vater einen Taxi an.
00:12:55: Er zeigt dem Fahrer die Adresse, die auf seinen Papieren steht.
00:12:59: Also die Anschrift der neuen Farm für die die Eltern ihren ganzen Besitz im Kufstein verkauft haben?
00:13:04: Ja genau!
00:13:05: Er schöpft aber voller Vorfreude und fahren sie los.
00:13:09: Aber als Sie die Adress erreichen
00:13:11: da
00:13:12: ist kein leer stehender Hof.
00:13:14: Da steht zwar eine Farm, aber auf dieser Farm leben Menschen.
00:13:19: Das Land das der Geschäftsmann in Tirol ihn verkauft hat, das gibt es gar nicht.
00:13:24: Der Mann ist ein Betrüger, hat gleich mehrere Familien in Kufstein über den Tisch gezogen.
00:13:29: Alle diese Farben, so wie der Typ den Verkauf war, alles einen Betrug gewesen und die ganzen Papierinnen waren gar nichts wert.
00:13:36: Mein Ur-Opa hat meiner Mutter später immer wieder von diesem Moment erzählt als sie noch klein war.
00:13:41: Mit nichts als ihren Habseligkeiten stehen sie in einem fremden Land dessen Sprache sie nicht sprechen.
00:13:47: Die Familie hat alles
00:13:49: verloren!
00:13:56: Das stelle ich mir so heftig vor.
00:13:59: Man nimmt all seinen Mut zusammen, verkauft sein ganzes Hab und Guts, setzt alles auf eine Karte... ...und dann zerplatzt dieser Traum vom Neuanfang noch bevor es überhaupt losgehen kann!
00:14:09: Ja für mein Ur-Opa hat sich dieser Moment auch für immer in seinen Gehirn eingebrannt.
00:14:14: Mit einem Moment zerplatzen alle Hoffnung Und die Eltern müssen total verzweifelt gewesen sein.
00:14:20: Die Ehe der beiden war ja sowieso schon so am Kriseln Und Frau Schwach beginnt dann, die Schuld bei ihrem Ehemann zu suchen.
00:14:27: Weil er derjenige war, der dem Betrüger die Papiere abgekauft hat
00:14:31: und ziemlich hart.
00:14:33: Dann hat die Frau den Mann verlassen und die beiden älteren Kinder also mein Großvater und die ältere Schwester Ernau.
00:14:40: Sie haben sich auch nie wieder gesehen und die Mutters mit den zwei kleinen Kindern zurück nach Österreich.
00:14:46: Es ist eine feugenschwere Entscheidung Denn an diesem Punkt verliert sich die Spur meiner Ur-Urgroßmutter aus Österreich für immer.
00:14:55: Mein Uroper Rudi sieht seine Mutter nie wieder!
00:14:58: Er und die Schwester Erna bleiben mit dem Vater in Brasilien, aber der Vater zerbricht an den Betrug und daran dass seine Frau ihn verlassen hat.
00:15:07: Er wird alkoholiker und stirbt später an den Folgen der Sucht.
00:15:12: Richtig schlimm... Aber was deine Familie da erlebt hat, Lucia, das war anscheinend keine Ausnahme.
00:15:17: Also laut der Historikerin Edith Plaschitz hat solche Betrugswelle immer wiedergegeben?
00:15:22: Das ist heute nicht anders als es damals war wenn es Menschen gibt die aus unterschiedlichen Gründen in einer prekären Situation sind und darüber hinaus noch wenig Informationen haben Dann gibt es immer andere Menschen, die diese Situation ausnutzen.
00:15:41: Also was die Schlepper von heute sind waren sie trüger.
00:15:46: Manchmal war's auch gar kein bewusster Betrug.
00:15:49: aber Einwander haben die Lage in den Zielländern oft stark beschönigt.
00:15:54: In den Briefen in der Heimat wollte ja keiner zugeben dass es eigentlich nicht so besonders rosig läuft für Sie.
00:16:00: Das sind die Auswanderer dann mit einer komplett idealisierten Vorstellung von Brasilien oder Argentinien aufgebrochen und landen dann nüchtert in der Realität.
00:16:09: Ja, genauso dürfte es damals Rudi dem Vater- und der Schwester ergangen sein.
00:16:14: Völlig desillusioniert versuchen sie sich in der fremden Großstadt zu orientieren.
00:16:19: Die Erfahrung der meisten Ankömmlinge war wohl da erst mal ziemlich ähnlich meint Edith Blaschitz.
00:16:25: Es ist ja die Zeit, in der gerade massenhaft Einwander aus verschiedensten Ländern in den Hefen, in Brasilien oder Argentinien ankommen.
00:16:32: Man musste sich in diesem Gewurl einer riesigen
00:16:35: Stadt einfach
00:16:37: zurechtfinden ohne die Sprache zu können.
00:16:41: Es
00:16:41: gab auch Hilfsorganisationen-Hilfstellen von denen vielleicht man schon wusste hat dann versucht Arbeit zu finden und hat eine Wohnung versucht zu finden.
00:16:50: Das war aber gar nicht so leicht.
00:16:52: Also Löhne waren... eigentlich niedrig.
00:16:55: Es gab einen ziemlichen Konkurrenzdruck, weil zum Beispiel eben ein spanischer Arbeiter oder ein süditalienischer Arbeiter bereit war für einen Lohn zu arbeiten wo eine österreichische Arbeit zeigen würde.
00:17:08: na das mache ich nicht.
00:17:09: also da plötzlich in einer Situation die man so nicht erwartet hat die Wohnungen waren teuer und es waren eigentlich die ersten Jahre oftmals einfach von Existenzkampf geprägt.
00:17:23: Dabei werden die Einwanderer aus Europa damals eh noch sehr offen in den lateinamerikanischen Ländern empfangen.
00:17:43: Und die damalige Situation war gänzlich eine andere, das sozusagen ein Migrant.
00:17:47: Also gerade in Deutschsprachigen einen Migrant zunächst einmal so mit positiven Klischee gewertet worden ist als Deutscher, Österreicher, Schweizer.
00:17:57: Galt man also grundsätzlich als Arbeitsamt, als Tüchtig und man wurde recht gut aufgenommen?
00:18:04: Andersherum sind dann eher die deutschsprachischen Einwanderer, die zum Teil abschätzig auf die lokale Bevölkerung schauen.
00:18:11: Oft
00:18:11: spricht aus den Briefen oder Dokumenten so ein bisschen einen herablassender Blick.
00:18:15: Also sagen wir kommen da aus dem zivilisierten Europa und dort ist es halt schmutzig, sein geringerer Standard also.
00:18:25: man hat auch mit einem Stück Hört Abschätzung auf die hiesigen Verhältnisse geblickt.
00:18:31: Was die Historikerin Blasch jetzt da beschreibt das passt ziemlich gut auf meine Urgrustante Erna.
00:18:37: Die bleibt in Sa Paolo und lernt dort bald einen Deutschen kennen.
00:18:41: Die beiden heiraten, bekommen Kinder – aber wirklich integrieren tut sich Erna nie.
00:18:46: Sie hat mit echten Brasilianern nur als Bedienstete was zu tun.
00:18:49: und ja so war die Sotykterie.
00:18:52: Meine Mutter sagt, Erna hat sich teilweise geradezu rassistisch über die Einheimischen geäußert.
00:18:57: Und einfach war eine, ehrlich gesagt ein Nazi!
00:19:01: Also eine sehr schräge Tante da.
00:19:04: Die habe ich später besucht im Brasilien.
00:19:06: Bei dem Besuch vor vielen Jahren hat sich meine Mutter damals richtig erschrocken.
00:19:09: Die Historikerin Edith Plaschitz sagt, solche Einstellungen sind damals unter den deutschsprachigen Einwanderern teilweise recht verbreitet.
00:19:17: Kein Wunder!
00:19:17: In Deutschland und Österreich ist das hier genau die Zeit in der sich der Nationalsozialismus ausbreitet?
00:19:24: Es war nicht anders als quasi im Vaterland oder in den Vaterländern, wie es hier so war.
00:19:29: Da gab's natürlich eine ziemlich große Zahl von Deutsch-Nationalen, würde ich mal sagen – also schon vor, waren das in der Jahr und Dreißig.
00:19:38: Die natürlich ihre Lebensart, ihre Lebensweisen, ihre politischen Ansichten mitgenommen
00:19:43: haben.".
00:19:44: und dort auch weitergeführt haben, in ihren Kreisen perpetuiert haben.
00:19:49: Auch das Einwanderer wie deine Urgrosthante wenig Kontakt zu den Einheimischen haben ist damals relativ üblich.
00:19:56: Plaschitz sagt man suchte sich die Hilfe und Unterstützung halt bei Leuten der ein Sprachhermann spricht – in seiner Community sozusagen.
00:20:04: Das heißt es haben sich dann Die Deutschsprachung zusammengetan, also die Leute, die einen verstehen können.
00:20:10: Da wurden am Anfang nicht den Unterschied gemacht ist das jetzt ein Deutscher oder ein Österreicher sondern es gab uns sehr enges Verhältnis von dem Deutschsprachen.
00:20:19: Die fehlende Integration führte aber nichts zwangsläufig zu Konflikten mit den Einheimischen und anderen Migranten-Communities.
00:20:26: Brasilien und Argentinen waren Länder als es gab keine bereits bestehende Nationalidentität, wo jetzt irgendwelche Eindringlinge von außen als Störungen eintreffen und das nationale Gefüge stören.
00:20:44: Wie eine große Telekommunikation ja heute ist, sondern das war aus Sicht der Staatsbild mehr.
00:20:50: War das sozusagen eine Nation die erst geformt werden musste?
00:20:54: Und von dem her gab es auch nicht den Druck sich da anpassen zu müssen.
00:20:59: Es gibt in Brasilien bis heute eine ganze Siedlung, die in nineteenhundertdreiunddreißig von Auslandsösterreichern gegründet wurde.
00:21:06: Treizend Linden heißt sie oder Tresetilias auf Portugiesisch.
00:21:10: Auf YouTube findet man einige Reportagen aus der Kolonie.
00:21:13: Die Bilder sehen schon ziemlich schräg aus Blasmusik und Trachten wie ich sie vom Kirchtag in meiner Heimat kenne Allerdings mitten im brasilianischen Urwald.
00:21:23: Die Österreicher, die die Siedlungen in der Jahrhundertdreisig gegründet haben, kamen tatsächlich auch alle aus Tirol.
00:21:29: So wie deine Familie Lucia!
00:21:31: Aber sie ist ja schon Ende der neunzehnzwanziger Jahre ausgereist.
00:21:35: Wie geht's
00:21:36: denn aber jetzt eigentlich mit deinem Ur-Opa Rudi weiter?
00:21:39: Ja also er ist ja gerade sechzehn als er in Brasilien ankommt und als seine Mutter ihn verlässt und der Vater zum Trinker wird.
00:21:46: da beschließt Rudi seinen Glück selbst in die Hand zu nehmen.
00:21:50: Er nimmt Abschied vom Vater und von der Schwester Erna, reist auf eigene Faust südwärts durchs Land.
00:21:56: Und er war ja sehr jung und hat versucht verschiedene zu arbeiten und ist dann letztlich gelandet in Paraguay, in Asuncion, in einer Druckerei.
00:22:06: In dieser Druckerei, in der Hauptstadt von Paraguaya beginnt Rudi also zu arbeiten.
00:22:11: Erstmal läuft es ganz gut aber dann wird er krank.
00:22:14: Eine Mitarbeiterin aus dem Betrieb hat Mitleid mit ihm und pflegt Rudi, bis er wieder gesund wird.
00:22:19: Die Frau heißt Ramona.
00:22:22: Sie ist zehn Jahre älter als Rudi und hat pech-schwarzes Haar.
00:22:26: Ihre Mutter kommt aus einer indigen Familie in Paraguay.
00:22:31: Obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Backgrounds kommen, stellen Rudy und Ramona fest, dass sie einige Gemeinsamkeiten haben.
00:22:38: Beide sind sehr naturverbunden – und aktive Menschen immer in Bewegung!
00:22:43: Sie verlieben sich ineinander.
00:22:45: Mit achtzehn Jahren heiratet Rudi Ramona, die zu dem Zeitpunkt achtundzwanzig ist.
00:22:52: und ja das junge Paar sah sehr schön aus.
00:22:56: Und haben sie bald meine Mutter bekommen.
00:22:58: Olga als erstes Kind erstes und einziges Kind.
00:23:02: Das finde ich so einen schönen Zuverlussier.
00:23:04: Meine Großmutter die quasi zur gleichen zeit in Tirol geboren wird Die heißt nämlich auch Olga.
00:23:10: Oma wenn du das hörst.
00:23:11: liebe Grüße
00:23:12: Das ist wirklich witzig.
00:23:14: Meine Oma Olga ist leider mittlerweile verstorben, aber ich habe sie noch kennengelernt früher bei Familienbesuchen in Südamerika.
00:23:21: Ich erinnere mich daran dass die dunkelrotes Haar hatte sehr schlank war und immer gut angezogen
00:23:26: Und Sie wird also schon den Paraguay geboren?
00:23:29: Genau Aber kurze Zeit später beschließen die Eltern Rudi und Ramona weiter zu ziehen.
00:23:34: Ich glaube, mein Ur-Opa hatte den Traum seiner Eltern vom großen Glück und Reichtum in Südamerika immer noch nicht aufgegeben.
00:23:42: Er beschließt also zusammen mit seiner Frau und der kleinen Tochter nochmal zu migrieren – und zwar ins Nachbarland Argentinien!
00:23:50: Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen aber Argentinian gehörte ja Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu den reichsten Ländern überhaupt.
00:23:57: Kein Wunder als so dass das für deinen Uropa anziehen glückte.
00:24:01: Ja, kann ich mir auch vorstellen.
00:24:03: Die Weltwirtschaftskrise machte sich zwar in den zwanziger und dreißiger Jahren auch dort bemerkbar, aber Rudi glaubte fest daran, dass er im Buenos Aires zum reichen Mann werden kann.
00:24:13: Mein Großvater hatte dann das Bild, er würde seine eigene Druckerei gründen und ganz groß rauskommen.
00:24:20: Größer als Päuser.
00:24:20: sein Päser war damals die große Druckerei in Buenos Aires und hat Fototyp gegründet.
00:24:25: und ja... Das war sein Traum und es ist zum Teil in Erfüllung gegangen.
00:24:29: Zum Teil ist der Bankrott gegangen am Ende!
00:24:32: Der große Reichtum kam also nicht.
00:24:35: Aber Rudi und Ramona bauen sich ein Leben in Buenos Aires auf, sie ziehen in einem Viertel, in dem viele deutschsprachige Einwanderer leben.
00:24:43: Es gibt dort deutsche Schulen, Vereine, Bäckereien ... Und so ähnlich wie seine Schwester Erna in Brasilien bleibt auch Rudi vor allem in seiner eigenen
00:24:51: Community.".
00:24:53: So ist es damals eben bei den meisten Einwänderern", sagt Edith Plaschitz.
00:24:57: Also
00:24:57: es gab tatsächlich keinen Assimilationsdruck.
00:25:02: Also ich musste mich, gerade als älterer Mensch der sich nie mehr so leicht tut zum Beispiel auch eine Sprache zu lernen.
00:25:09: Ich musste mich nicht anpassen.
00:25:10: also ich konnte in meinem Stadtteil ins deutsche Kaffeehaus gehen und auch eine deutsche Zeitung lesen.
00:25:16: Ja
00:25:17: genau so hat das ungefähr auch mein Ur-Opa gemacht.
00:25:19: Die Tochter Olga wird auf eine deutsche Schule geschickt Und zum deutschen Ruderverein.
00:25:24: Wenn Gäste im Haus sind dann kommen sie fast immer aus Österreich oder Deutschland Die Paraguayischen Wurzeln meiner Urgroßmutter, die werden dagegen vernachlässigt.
00:25:34: Und wie soll ich sagen, Lucia?
00:25:35: Wie sah es denn so mit der geistigen Einstellung von deinem Uropa aus?
00:25:40: Ja, ich hab ihn ja nicht selbst kennengelernt aber meine Mutter sagt er war jetzt kein beinharter Assist sowie seine Schwester Seine Frau war auch Indigene.
00:25:50: Aber ihm war die deutsche Kultur schon extrem wichtig Und deutsche nationale Ideen, die damals eben viel in der Community kursiert sind.
00:25:59: Die hat das schon aufgesogen.
00:26:00: Also zum Beispiel auch antisemitische Vorurteile.
00:26:04: Was übrigens interessant ist, Edith Plaschitz sagt dass natürlich nicht alle deutschsprachigen Einwanderer Deutsch-National getickt haben.
00:26:12: In den dreißiger Jahren kommt nämlich zunehmend eine neue Gruppe dazu jüdische Flüchtlinge, die vor den Nazis fliehen.
00:26:19: Und sie haben zum Beispiel in Buenos Aires auf demselben Stadtviertel gewohnt wie deutsch-nationale Einwanderer.
00:26:25: Die wohnen Haus an Haus – die Kinder gehen teilweise in die gleichen Schulen.
00:26:31: Man kennt sich und weiß voneinander.
00:26:33: Man geht nicht unbedingt privat miteinander um sondern es sind sehr wohl unterschiedliche Kreise aber man lebt auf sehr engen Raum zusammen.
00:26:43: Erstaunlicherweise führt das nicht unbedingt zu Konflikten, sagt Historikerin Blaschitz.
00:26:48: Es ist eher ein Leben und leben lassen.
00:26:51: Allerdings tragen sich die deutschnationalen Einstellungen vieler Migranten auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft noch lange weiter – eben weil es in den Auslandskommunities natürlich keine wirkliche Entnazifizierung
00:27:03: gibt.".
00:27:11: Also auch nicht von Personen, die sozusagen dem Nazi-Gedanken gut sehr verhaftet waren.
00:27:22: Im Fall von meinem Uroparudi führt sein importierter Antisemitismus eines Tages allerdings zu einem echten Konflikt.
00:27:31: Als seine Tochter Olga Mitte zwanzig ist, lernt sie einen Mann kennen.
00:27:35: Sie studiert gerade an einer renommierten Kunsthochschule in Buenos Aires – will malerin werden und in ihrer Freizeit tanzt sie gerne!
00:27:45: Bei einem Ball wird sie eines Tages von einem jungen Typen mit grauen Augen und dicker Brille zum Tanz aufgefordert.
00:27:52: Sein Name ist Bartolomé Alejandro.
00:27:56: Okay, allein der Name klingt schon romantisch!
00:27:59: Ja, finde ich auch... Die beiden schwingen eine Weile übers Paket – Sie reden nicht viel… Aber als der Ball vorbei ist, da will Alejandro sie unbedingt nach Hause bringen um sicher zu gehen dass Olga gut ankommt.
00:28:10: Er ist ein richtiger Gentleman.
00:28:12: Das Taxi fährt sie durchs nächtliche Buenos Aires.
00:28:15: Auf der Rückbank legt Alecandro dann vorsichtig den Arm um Olga Stalje, so hat sie es später meiner Mutter erzählt.
00:28:22: Alecandro!
00:28:22: Alechandro!
00:28:24: Ja meine Oma ist wohl gleich ziemlich angetan von ihm, obwohl er kein typischer Schönling ist – eher so ein bisschen rundlich weil er leidenschaftlich gern isst.
00:28:33: Er ist ein Genießer und etwas an seinem Charakter zieht Olga an….
00:28:38: Er strahlt eine besondere Ruhe aus und einen starken Sinn für Gerechtigkeit.
00:28:43: Die beiden treffen sich also wieder.
00:28:45: Bald lernt Olga, dass Alejandro aus einer jüdischen Familie kommt – sowohl der Vater als auch die Mutter sind Juden.
00:28:52: Also er kam aus Ungarn und sie war schon in Argentinien geboren aber war eigentlich russische Abstammung.
00:29:01: Sie haben zwei Kinder gehabt, mein Vater und sein Bruder Und es war so eine klassische jüdische Familie, die immer zusammenhält und er war Maler.
00:29:10: Sie war Pianistin, also ein ziemlich künstlerisch-kaotischer
00:29:13: Haushalt.".
00:29:14: Das heißt, die Familie ist emigriert aber eben nicht vor den Nazis geflohen.
00:29:19: Genau!
00:29:19: Man muss dazu wissen, Argentinien hat ne riesige jüdischen Community – die größte Lateinamerikas.
00:29:25: Es gibt allein in Buenos Aires ungefähr siebzig Synagogen und viele jüdliche Schulen und Einrichtungen.
00:29:31: Das hätte ich nie geahnt.
00:29:32: Und ich finde es faszinierend, wenn man bedenkt, dass dann ja nach dem Zweiten Weltkrieg auch ausgerechnet nach Argentinien viele ehemalige Nazis ausgewandert sind.
00:29:41: Stimmt!
00:29:41: Ist schon verrückt... Die Familie meines Großvaters ist auf jeden Fall fest in der jüdischen Community in Buenos Aires verankert.
00:29:48: Der gesamte Freundeskreis besteht aus Jüden und Juden.
00:29:52: aber das Alecandro eine Schichse nach Hause bringt also einen Nicht-Judin stört trotzdem niemanden.
00:29:58: Die Eltern freuen sich einfach, dass ihr Sohn eine Frau gefunden hat, die dazu noch attraktiv ist und künstlerisch begabt.
00:30:06: Aber als Olga ihrem katholischen Vater Rudi ihren neuen Geliebten vorstellt, da regen sie in ihm die antisemitischen Ressentiments.
00:30:15: Er ist also nicht happy das der Freund seiner Tochter Jude ist?
00:30:19: Genau!
00:30:20: Am Anfang hofft er auch, dass es Ganze vielleicht nur ne kurze Affäre is'.
00:30:24: Aber für meine Oma ist Alejandro die große Liebe….
00:30:28: Die Beziehung der beiden wird schnell enger.
00:30:30: Mein Uro Parudi überlegt, was er tun soll.
00:30:34: Er ist jetzt kein Typ, der seiner Tochter verbieten würde, ihren Freund zu treffen.
00:30:38: Aber da kommt ihm plötzlich eine viel bessere Idee.
00:30:41: Er denkt an seine Kindheit in Tirol und die Alpen.
00:30:45: Seit der Schissfahrt war er nicht mehr dort.
00:30:48: Er hat nie wieder etwas von seiner Mutter und seinen Brüdern gehört.
00:30:51: Weiß auch nicht ob sie nach Kuhstein zurückgekehrt sind oder überhaupt noch am Leben sind.
00:30:58: Eine Reise nach Österreich würde seine Tochter mit Sicherheit auf andere Gedanken bringen, denkt er.
00:31:03: Und vielleicht lernt sie ja dort sogar einen netten Tiroler kennen!
00:31:06: Wer weiß?
00:31:07: Vielleicht wärst du dann irgendwann ein paar Klassenüberwehren in die Schule gegangen und die Lucia aus Kufstorn...
00:31:13: Ja mein Ur-Oparudi hätte das mit Sicherheit sehr glücklich gemacht.
00:31:17: Er schenkt seiner Tochter also eine Reise zu Europa um ihr die Liebe zu ihrem jüdischen Freund auszutreiben.
00:31:23: Verstehe, er schickt deine Großmutter also in seine alte Heimat.
00:31:28: Aber kennt er da eigentlich noch irgendwen?
00:31:30: Ja, eigentlich nicht.
00:31:32: Er nimmt deshalb zuerst Kontakt zu seiner Schwester Erna in Brasilien auf.
00:31:36: Die beiden haben sich auch nicht mehr gesehen seit Rudi XVI war aber sie bietet an Olga ein paar Wochen zu beherbergen.
00:31:43: So kommt es dass meine Oma zuerst nach Sa Paolo reist
00:31:47: und dann mit dem Schiff nach Kufstein.
00:31:51: Und da gab's noch eine Tante, eine tante Bertha und Onkel Franz.
00:31:54: Leider weiß meine Mutter auch nicht, wie Rudi es geschafft hat den Kontakt zu den beiden herzustellen.
00:32:00: Das war vor Zeiten des Internets ja nicht gerade so einfach – aber irgendwie findet er heraus dass diese Cousins seiner Eltern noch in Kufstein leben.
00:32:09: Sie betreiben dort einen Berghof wo man übernachten kann.
00:32:13: Über Bertha und Franz erfährt mein Urgroßvater auch was mit seiner Mutter passiert ist nach dem großen Betug damals.
00:32:19: Sie und die beiden kleinen Söhne sind zurück nach Österreich.
00:32:23: Und dort dann einige Jahre später im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen.
00:32:28: Aber Bertha und Franz sind bereit, ihre unbekannte Nichte aus Argentinien bei sich aufzunehmen.
00:32:34: So kommt meine Oma im Winter in deiner Erinnerung an.
00:32:40: Also das stelle ich mir echt ziemlich hart vor!
00:32:43: Ganz allein erst mal mit dem Schiff aus dem warmen Südamerika in den kalten europäischen Winterübersiedeln Und dann irgendwo eingeschneit in Tirol am Berg zu sitzen, wo sie niemand versteht.
00:32:56: Also ich mein Deutsch hat es ja wahrscheinlich nicht in der Schule gelernt.
00:32:58: aber wenn man jetzt das Deutsch dass man in der Schule lernt mit dem Tiroler Dialekt versteht, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass sich da vielleicht niemanden so richtig verstanden hat.
00:33:08: Ja das vermute ich.
00:33:09: ehrlich gesagt auch und vor allem hat Olga Alejandro in Argentinien sehr vermisst.
00:33:15: Aber... Kurze Zeit, nachdem sie in Kuhstein angekommen ist, ruft jemand im Berghof für Sie an.
00:33:24: Es ist Alejandro.
00:33:27: Anrufe noch über See sind damals ja wahnsinnig teuer!
00:33:30: Er hat nicht viel Zeit um ihr zu sagen was er sagen will... Also nimmt er all seinen Mut zusammen und fragt Olga ob sie ihn heiraten will.
00:33:41: Und was hat deine Oma gesagt?
00:33:43: Sie sagt natürlich sie also
00:33:45: Ja.
00:33:46: Dann
00:33:47: hat mein Vater sich ganz doll alles Geld zusammengekratzt und ist mit dem Schiff auch nach Kuchstein gefahren.
00:33:55: Wochen später erreicht Alejandro die kleine Tiroler statt, am vierzehnten Februar, also am Wallentiestag, heiratet der Olga in der kleinen Kapelle mit der weißen Fassade mitten in den Alpen.
00:34:08: Jedes Jahr im vierzehnten Februar müssen wir uns die Fotos angucken.
00:34:12: Meine Mutter hatten einen blauen Anzüglein geheiratet Mein Vater in einem Anzug.
00:34:19: Viele Gäste sieht man auf den Fotos nicht, Tante Bertha und Onkel Franz sind gekommen, außerdem ein paar Mitarbeiter vom Berghof.
00:34:26: Es ist eine kleine stille Hochzeit.
00:34:28: Aber es war sehr schön und besonders an der vierzehnte Februar und überhaupt...
00:34:33: Dass Alekandro Jude ist, das hat in der katholischen Gemeinde übrigens offenbar niemanden gestört oder er hat es verschwiegen – das weiß ich ehrlich gesagt nicht!
00:34:42: Nach der Trauung machen er und Olga noch eine Reise nach Paris und nach Belgien.
00:34:47: Und danach geht es für sie mit dem Schiff zurück, nach
00:34:49: Argentinien.".
00:35:14: Ja, dann wurden sie Großeltern und irgendwie war der dann aufgeweich mit allen.
00:35:19: Über die Jahre hat er seine antisemitischen Vorurteile danach abgebaut und sich immer besser mit seinem jüdischen Schwiegersohn verstanden.
00:35:27: Und sind deine Großelter irgendwann nochmal nach Kufstein zurückgekehrt?
00:35:30: Also an den Ort in dem Sie geheiratet haben?
00:35:33: Ja ziemlich genau, zwanzig Jahre später.
00:35:36: Da ist nämlich ihre erste Tochter also meine Mutter nach Deutschland ausgewandert.
00:35:40: Das hatte ich am Anfang erzählt.
00:35:42: Erst für den Auslandsstipendium an der Uni und dann hat sie meinen deutschen Vater kennengelernt, und ist hier
00:35:47: geblieben.".
00:35:48: Und da haben Sie mich besucht?
00:35:50: Und sind Sie auch wieder nach Kuhstein?
00:35:52: Da haben Sie ein Gedenkteffelchen dargelassen, dass Sie so dankbar waren für diese Ehre, die für Sie so viel bedeutet
00:35:58: hat?".
00:35:59: Die kleine Tafel mit der Gravur – Danke für die Zweiundzwanzig Jahre des Glücks!
00:36:04: Olga I. Alejandro Als ich ein Teenager war, haben wir mit meinen Eltern mal eine Reise nach Kufstein gemacht.
00:36:10: So quasi auf Spurensuche der Familiengeschichte.
00:36:13: Ich erinnere mich noch ganz gut daran.
00:36:15: Wir haben in dem Berghof übernachtet, indem damals meine Oma untergekommen ist Und meine Eltern haben nachgefragt ob sich irgendwer dort noch an meine Großeltern erinnert.
00:36:25: Franz und Bertha waren zu dem Zeitpunkt allerdings schon verstorben
00:36:29: Aber eine ganz alte Bedientete Die erinnerte sich als ganz junges Mädchen, dass ein Paar aus Argentinien eine Hochzeit gefeiert hatte.
00:36:39: Und das fand ich natürlich ganz toll!
00:36:41: Wir haben dann auch die kleine Kapelle besucht in der meine Großeltern geheiratet haben und die Erinnerungstafel von meinem Opa diichen damals tatsächlich noch an der Wand.
00:36:53: Dass ich diese Geschichte heute, zwanzig Jahre später nochmal nach recherchiere weil ich einen Podcast über Österreich moderiere Das hätte ich damals wirklich nicht gedacht.
00:37:08: Wir haben euch diese Geschichte von Lucia's Familie erzählt, weil sie so schön zum vierzehnten Februar passt – also zum Valentinstag und sogar mal ein Happy End hat!
00:37:18: Und weil hier auch irgendwann mal aufgeschlüsselt werden musste dass auch in Lucia mehr Österreich steckt als sie hier manchmal zugeben will….
00:37:25: Ja du hast recht... Und für mich war es auch eine schöne Gelegenheit, diese große Erzählung von Betrug und Liebe bis zum Heiratsantrag über Kontinentin weg nochmal richtig aufzuschreiben.
00:37:37: Denn wie das bei Familiengeschichten so ist – man hat sie tausendmal gehört aber irgendwie dann doch immer nur mit halben Ohren.
00:37:43: Es klingt auf jeden Fall nach einer Familiensager, wie ich sie mir normalerweise im Urlaub am Strand reinziehe und nicht mehr loskomme!
00:37:51: Ich finde die Geschichte zeigt noch was… nämlich wie sich unser Blick auf Migration im Laufe eines Jahrhunderts verändert hat.
00:37:59: Das sagt auch Historikerin Edith Blaschitz, damals Anfang des zwanzigsten Jahrhunderte wurde Migration als etwas völlig Normales gesehen.
00:38:07: Also das war jetzt nicht irgendeine Ausnahme die halt nur aufgrund eines Kriegers passiert ist sondern es war eine Normalität dass man seinen Lebensmittelpunkt verlagert hatte, dass man dort hin wo Arbeit war auch da hingegangen ist.
00:38:22: Auch das Bild der Migranten selbst war geprägt von positiven Klischees.
00:38:26: Der reiche, abenteuerlustige Onkel, der sich nach Argentinien abgesetzt hat.
00:38:31: Die Leute die so hin gegangen sind waren Leute, die es schaffen konnten also vom Auswanderungseite aus aber was ganz wesentlich ist auch von Seiten des Einwanderungslandes.
00:38:42: man brauchte die Einwänderungen und wollte sich wirtschaftlich aufbauen und dazu brauchte es Menschenmaterial.
00:38:50: Heute ist der Begriff Migrant vor allem negativ besetzt.
00:38:53: Da dringend so böse Individuen von außen ein und wollen uns etwas wegnehmen, also es ist nicht mehr ein normaler Prozess sondern es wird immer so als krisenhafter Prozess beschrieben oder vielfach propagiert von gewissen Seiten die davon wieder ihren Nutzen ziehen – etwas was sozusagen eigene Identität stört, was sehr viel Negatives mit sich bringt und gegen die man sich verwehren muss.
00:39:21: Also diese tatsächliche Diskursverschiebung ist sehr probierend und zu unserer Normalität geworden dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können das es da mal so andere Zugänge und andere
00:39:34: Ansichten
00:39:35: dazu gab.
00:39:36: also das ist so denke ich eine große Differenz.
00:39:40: Eins ist jedenfalls klar Hätte Losias Familie damals den Aufbruch aus Kufstein nicht gewagt, dann würde es sie heute vielleicht gar nicht geben.
00:39:48: Ja oder
00:39:49: ich wäre halt Österreicherin!
00:39:58: In said Austria hört ihr auf allen gängigen Podcast-Plattformen auf der Standard.at
00:40:02: und auf spiegel.de.
00:40:04: Wenn ihr Lust habt auf noch mehr Stoff zum hören rund um die Liebe Dann empfehlen wir euch eine besondere Reihe von meinem Kollegen Lene Kafka beim Spiegelpodcast Smarter Leben.
00:40:14: Dort läuft ab sofort ein fünftaliger Liebes-Crash-Kurs als Sonderserie.
00:40:18: Social Therapy, was braucht die Liebe von uns?
00:40:21: So heißt er!
00:40:22: Die erste Folge findet ihr jetzt überall, wo es Podcasts gibt.
00:40:26: Mit Spiegel Plus könnt ihr alle Folgen sogar eine Woche früher hören und mit dem Abo hört ihr außerdem exklusiv die neue Folge unserer Podcastserie Avignon der Prozess Pelicot.
00:40:37: Meine Kollegin Britta Sandberg hat dafür als Erste in Deutschland mit Giselle Pelicots sprechen können.
00:40:42: In zwei Teilen erzählt Peli Kuh, wie sie den Prozess damals erlebt hat und warum sie nochmal ihren Ex-Mann sehen will.
00:40:49: Die Links zu dem beiden Podcast rein stellen wir auch in die Show Notes.
00:40:52: Wenn euch unser Podcast gefällt dann folgt uns gerne und lasst uns ein paar Sterne da.
00:40:56: Und falls ihr ihn seit Ostria gern mal live erleben wollt Dann habt ihr am fünfundzwanzigsten Februar die Möglichkeit dazu.
00:41:02: Wir sind bei der Missing Link Podcast nach den Wien dabei.
00:41:05: Alle Infos in den show notes Kritik, Feedback oder Vorschläge zum Podcast, wir immer gern an insideaustria.spiegel.de
00:41:13: Oder an podcastedtestandard.at.
00:41:16: Unsere journalistische Arbeit könnt ihr am besten mit einem Abonnement unterstützen!
00:41:20: Alle Infos zu einem Standard-Abo findet ja auf abo.testandart.at Und unsere Hörerinnen und Hörern können mit dem Rabatt-Court-Standard wie wochenlang das Angebot von Spiegel Plus für nur ein Euro pro Woche testen.
00:41:32: Alle Info dazu gibt's auf spiegel.de.
00:41:35: Alle Links und Infos stehen wie immer auch in den Shownoten zu dieser Folge.
00:41:39: Danke fürs
00:41:40: Zuhören,
00:41:40: und allen die auch hinter den Kulissen an diesem Podcast mitwirken!
00:41:43: Das waren diesmal Schold Wilhelm und Christoph Neuwirt.
00:41:46: Ich bin Lucia Heisterkamp
00:41:48: ich bin Antonia
00:41:48: Raut Wir sagen Tschüss Und Papa.